Brauchen wir noch ein Gehirn?

Unter diesem Titel fand am 10. März 2009 der art 2.0 FlurFunk zum Thema “Personal Information Management” in den Räumen der Kölner sym.net GbR statt. Die Anwesenden diskutierten in angeregter Runde unterschiedliche Tools, Ideen und Methoden, die WissensarbeiterInnen das Leben leichter – und manchmal auch schwerer – machen.

Hier eine kurze, subjektive Zusammenfassung der Beiträge ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Desktop-Wiki und Tagging (Martin Butz)

Martin Butz startete den Abend mit einem kurzen Lob des Desktop-Wikis als Wissensspeicher für alles, was irgendwie wichtig ist oder werden könnte. Er nutzt dazu Tomboy. Wesentlich erscheint ihm hierbei die Möglicheit,

  • erstens im gesamten Textkorpus per Volltextsuche recherchieren zu können und
  • zweitens die Anreicherung fast einer jeden Notiz mit Tags. Dabei erzieht er sich dazu, zusammen mit dem eigentlichen Textinhalt Assoziationen zu formulieren, die später das Auffinden des gesuchten oft erst ermöglichen.

Beispiel: Eine vorläufige Notiz zu einem Telefonat mit einem Geschäftspartner in spe wird mit dem Tag “Griechenland” versehen. Im Gespräch spielte dies nämlich eine Rolle – ganz abseits des eigentlichen Sachgehalts. Doch Griechenland wird im Kopf bleiben, und damit auch die Wiederauffindbarkeit der Notiz über die assoziierten Tags. Der Artikel Tags und Tagging verrät mehr zum Thema.

Mindmaps als Informationsspeicher, zur Recherche, Projektvorbereitung und Ergebnispräsentation (Natalia Löwen)

Natalia Löwen berichtete über den elaborierten Einsatz von Mindmaps in der Beratungsbranche. Die Anwesenden staunten nicht schlecht über die vielfältigen und weniger bekannten Möglichkeiten, mit Mindmaps

  • Rechercheergebnisse zu organisieren und darzustellen (z. B. Bookmarklisten und Anbieterverzeichnisse),
  • Verzeichnisse und Ordnerstrukturen zu navigieren und mit Metadaten anzureichern (z. B. Verzeichnisse von Marketingmaterialien) sowie
  • kleinere Projekte zu steuern (Aufgabenlisten, Milestones).Wichtig: Wenn Mindmaps zur firmeninternen Dokumentation verwendet werden, ist es unumgänglich, mehr oder weniger strenge Konventionen einzuführen: Hier entstehen dann weniger assoziative Wolken und Vernetzung, sondern eher klare Baumstrukturen und Datenhierarchien.

Ein Überblick über Mindmapping-Software jenseits des Platzhirsches “MindManager” ergänzte diesen äußerst interessanten Vortrag. Ein nachträglicher Hinweis von Natalia: “Auf der Seite von MindJet kann man aufgezeichnete Webinare zu div. Themen anschauen, sie sind meist eine gute Inspirationsquelle (wahrscheinlich auch für Alternativ-Software-Nutzer (z. B. freemind, xmind).”

Selbstorganisation und das Eisenhower-Prinzip (Eva Schuster)

Eva Schuster stellte den TeilnehmerInnen das Eisenhower-Prinzip vor: Der amerikanische General und spätere Präsident bewerktstelligte über die Leitunterschiedung zwischen “dringlichen” und “wichtigen” Aufgaben das Haushalten mit eigenen und anderen Resourcen. Diese einfache und praktikable Priorisierung mündet – kurz und falsch – in einer To-do-Liste in der Form eines Quadranten:

  • A) Aufgaben, die ich selbst und umgehend tun muss
  • B) Aufgaben, die klar terminiert und damit später erledigt werden
  • C) Aufgaben, die deligiert oder abgelehnt werden
  • D) Aufgaben, die auf der To-do-Liste eigentlich gar nichts zu suchen haben

Wie jede Methodik gilt auch hier, Ausnahmen bestätigen die Regel, die Realität vielschichtiger und überhaupt, wer immer nur Kirschmarmelade isst, wird bestimmt nicht glücklich. Doch ebenso trifft zu: Je simpler die Regel, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch anwendbar und durchhaltbar ist. Der Vortrag wurde dankend beklatscht.

Auf dem Weg zum papierlosen Büro (Belinda Krone)

Belinda Krone berichtete darüber, wie die Trennung vom haptisch so gegenwärtigen und einfach handhabbaren Filofax so notwendig wie schwierig ist. Wird die Firma größer, müssen Termine mit mehreren Mitarbeitern koordiniert werden, dann wird die elektronische Verwaltung von Terminen unumgänglich. Einige TeilnehmerInnen konnten sich die Terminplanung ohne Software und Netz gar nicht mehr vorstellen, andere wiesen darauf hin, dass “es früher doch auch ohne ging”. Ein durchaus wichtiger Gedanke. Macht er doch deutlich, dass nahezu jede Technik, jedes Tool auch neue Abhängigkeiten mit sich bringt. Dialektischer Fortschritt: Wer nur noch tippt, verlernt die Handschrift.

Fotoausstellung zum Flurfunk (Ute Vogel)

Ute Vogel hat zur Illustration des Flurfunks die Menschen in ihrem Umfeld gefragt, wie sie ihre Aufgaben, Informationen und To-Dos managen und organisieren. Dann hat sie diese ‘Tools’ fotografiert und in Form einer Ausstellung präsentiert: Kalender, Timer und Terminübersichten in unterschiedlichen Varianten, analog und digital, papierne und elektronische Notizblöcke und andere ‘Devices’. Getreu dem Titel des Flurfunks findet sich unter den Fotos auch die Stirn einer Kollegin – die Aussenansicht eines Gehirns.

Entschleunigung (Christa Stadler)

Entschleunigte HomepageGleich zu Beginn der Veranstaltung plazierte Christa Stadler an prominenter Stelle einen Aufkleber im Raum, der diesen als “entschleunigte Zone” kennzeichnete. Diese Andeutung konkretisierte sie in Ihrem Beitrag zum Thema “Zeit”. Als Mitglied des Zeitvereins erläuterte sie die Idee, dass unsere globalisierte, stark ausdifferenzierte und oftmals als unabänderlich empfundenen Lebens- und Arbeitsumsstände wo möglich entschleunigt werden müssen.

Sie tat dies nicht per Argument und Vortrag, sondern mit dem irischen Märchen vom Pechvogel: Ein Mann zieht aus, einen Weisen nach dem Glück des Lebens zu befragen. Auf der langen Reise dorthin begegnet er einem Wolf, einem Baum und einer Frau, die ihm jeweils eine Frage an den Weisen mitgeben. Die Pointe – als der Suchende auf dem Rückweg die Antworten überbringt – sei nur angedeutet: Wer ewig sucht und rennt, ohne sich einmal zu überwinden zu finden und zu bleiben, den frisst am Ende der Wolf.

Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin. Ein Buch zum Thema von Kathrin Passig und Sascha Lobo (Martin Butz)

Nach den Überlegungen zur Zeit und dem Umgang damit, komplettierte der kurze Lesebericht über den Anti-Ratgeber von Sascha Lobo und Kathrin Passig den Abend. Die beiden netzbekannten Autoren bieten eine gelungene Mischung aus Kapitalismuskritik, Selbstmarketing und Entlastungslektüre für professionelle Prokrastinierer und solche, die auf dem Wege sind, es zu werden.

Die art 2.0 freut sich auf weitere Veranstaltungen dieser Art!

(mb)