Antwort auf: Sind Edu- oder BarCamps nur eine Modeerscheinung?
Der Einladung zu Beiträgen für die 8. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival von Martin Ebner folgend möchten wir gerne auf diese Frage eingehen.
Es gibt nur einen Weg, um zu erfahren, ob BarCamps eine gute Sache sind: selbst eins besuchen. Oder warum nicht gleich selbst eins organisieren. Erst mit dem Klick im Kopf erschließt sich die Genialität des Formats in all seiner Schlichtheit. Räume, Teilnehmer, Themen, etwas Technik und ausreichend gute Verpflegung – mehr braucht man nicht, um ein BarCamp auf die Beine zu stellen, das allen nachhaltig als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben kann, sowohl fachlich als auch persönlich.
10 gute Gründe für BarCamps
Wissensaustausch
In BarCamps darf Wissen und Unwissen zirkulieren. Wissen wird im besten Sinn ausgetauscht. BarCamps ermutigen auch Teilnehmer, die nicht unbedingt ausgewiesene und selbstbehauptete Experten sind. Insofern bietet sich die Chance zum echten Austausch und Lernen.
Gespräche
BarCamps sind sozial. Schon am Morgen des ersten Tages – so belegt die Praxis immer wieder – ergeben sich erstaunlicher- und erfreulicherweise Gespräche zwischen Teilnehmern, die sich zunächst eben nur die Teilnahme teilen. Das offene Klima von BarCamps fördert den Austausch.
Alternative
BarCamps bereichern das Konferenzangebot. Der Begriff “Unkonferenz” steht für die echte Alternative, die BarCamps gegenüber herkömmlichen Konferenzformaten darstellen. Man kann ein BarCamp auch als „Echtkonferenz“ bezeichnen.
Aktivität
BarCamps fördern die aktive Teilnahme. Neulinge sind zum Teil sehr erstaunt über die Tatsache, dass sich so viele an der Programmgestaltung beteiligen. Man ist eher vornehme Zurückhaltung gewöhnt, wenn die Frage kommt: Wer möchte eine Session halten. Doch je mehr sich Beteiligen, desto eher wird diese Zurückhaltung aufgegeben und vormals schüchterne Teilnehmer tragen aktiv bei.
Kommunikation
BarCampen ist eine Art ‘Real-World-Blogging’: Die Sessions sind die Blogbeiträge, die Diskussionen innerhalb der Sessions sind wie die Kommentare zu einem Blogbeitrag. Wenn man also fragt, ob BarCamps Modeerscheinungen sind, dann sind es Blogs auch.
Qualität
BarCamps regulieren sich selbst – was die Qualität anbelangt. Wem das Niveau zu niedrig ist, wem ein Thema fehlt, der kann dies unmittelbar korrigieren – spätestens am zweiten Tag. (Zu herkömmlichen Konferenzen: Teilweise war und ist das Niveau qualitativ erstaunlich niedrig.)
Kreativität
BarCamps sind ThinkTanks. Auf BarCamps ist es möglich, eine Session mit einer Fragestellung einzuleiten und diese im weiteren Verlauf mit den Teilnehmern zu klären. Oft bringt ein solcher Prozess allen Beteiligten eine Menge. Unwissen, Fragen und experimentelle Gedanken können als behandelt werden, was sie sind: selbstverständlich und notwendig für jeden Klärungsprozess.
Stimmungsbarometer
BarCamps sind Meinungsbilder und -bildner. Sie geben einen Überblick zu aktuellen Positionen, Stimmungen und Diskursen.
Netzwerken
Auf einem BarCamp treffen Menschen zu einem bestimmten Thema zusammen, aber nicht jeder weiss gleichermaßen über alle Bereiche Bescheid. Im persönlichen Gespräch werden schnell Anknüpfungspunkte gefunden – für eine gemeinsame Gestaltung der Veranstaltung und darüber hinaus.
Kollaboration
Ein Thema spontan in kleinen Arbeitsgruppen bearbeiten bringt oft erstaunliche Ergebnisse hervor. Sicher auch ein Ergebnis der entspannten Atmosphäre und des gemischten Publikums mit unterschiedlichen Perspektiven und Kenntnissen.

3 Comments
Barcamps sind eine kurzfristige Modeerscheinung. Ein Hype. In zwei Jahren redet keiner mehr davon.
Mag sein, dass ich mich irre. Aber ich glaube, dass die Praxis der Barcamps heute schon eine andere ist als die Konzeption es suggeriert.
Barcamps argumentieren, das Programm komme spontan zustande. Das ist richtig. Die Präsentatoren melden ihre Beiträge spontan an.
Tatsächlich ist es dann aber überwiegend gar nicht so spontan. Denn was dann in der Session passiert, ist häufig ein wohl ausgearbeiteter 30-40 minütiger mit Powerpoint visualisierter Vortrag. Am Ende gibt es dann noch Luft, um 10 Minuten Fragen zu stellen.
Ich habe selber mehrere Bar- und Educamps besucht und das in den überwiegenden Beiträgen erlebt. Ich habe selbst mehrfach Sessions angeboten und dort nur einen Einstieg (zum Teil mit ein paar Folien, zum Teil rein erzählerisch) gemacht. An dessen Ende standen eine oder mehrere Fragen an die Gruppe, die ich gerne mit ihr diskutieren wollte.
Ich habe davon meist am meisten profitiert, weil ich antworten auf Fragen fand oder neue Denkanregungen, die mich weiter brachten.
“In BarCamps darf Wissen und Unwissen zirkulieren.” steht oben. Je mehr Unwissen zirkuliert, desto weniger Nutzen entsteht für die Teilnehmenden. Viel Unwissen wird kurzfristig dem Ruf von Barcamps schaden. ‘Bringt mir nichts’.
Was ist die Konsequenz daraus?
Bekommen wir künftig eine Neubelebung klassischer Erfa-Gruppen? Werden künftige BarCamps Strukturvorgaben für Sessions machen? Oder werden Sessions klassifiziert werden: Vortrag, Workshop, Problem Solving?
Beim Educamp in Ilmenau gab es im April bereits eine Rahmenprogramm. Freitag Podiumsdiskussion. Samstag Mittag Live-Moderation in Foyer.
Zunehmend gibt es bereits vorab gesetzte Sessions von bestimmten Promis.
Meine These: Klassische Konferenzkonzepte und Barcamps werden verschmelzen. Bei einer zweitägigen Konferenz gibt es ein klassisches Programm und einen Open Space mit spontanen Sessions.
Übrigens Open Space ist ein den Barcamps sehr ähnliches Konzept. Es wurde von Harrison Owen so benannt (http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Space) und focussiert stärker auf Problemlösungsgruppen.
Einige Anmerkungen @Ralf (ich zitiere, damit der Bezug klarer wird):
“Barcamps sind eine kurzfristige Modeerscheinung. Ein Hype. In zwei Jahren redet keiner mehr davon.”
Die Fragen, ob Barcamps eine Modeerscheinung sind, ist als solche nicht sonderlich interessant. Die Zukunft wird zeigen, was Bestand hat und was nicht. Wir haben diese Fragestellung genutzt, um einige interessante Charakteristika dieses Veranstaltungsformats herauszustellen.
“Barcamps argumentieren, das Programm komme spontan zustande. Das ist richtig. Die Präsentatoren melden ihre Beiträge spontan an. [...]”
Ich kenne dieses Argument gar nicht. ‘Spontan’ ist sicherlich die eine oder andere Partizipation. Oft entschliessen sich Teilnehmer bei der Vorstellung der Sessions, eine ebensolche zu halten, obwohl das nicht geplant war. Ansonsten ist nichts dagegen einzuwenden, dass Sessions vorbereitet werden. Im Gegenteil!
“Ich habe davon meist am meisten profitiert, weil ich antworten auf Fragen fand oder neue Denkanregungen, die mich weiter brachten.”
Ein Grund mehr, auf Barcamps selbst eine Session anzubieten. Auf dem Bildungscamp haben am ersten Tag über den Daumen 40% der Teilnehmer eine Session abgehalten. Tatsache ist: Jeder kann, wenn er will. Das findet man bei herkömmlichen Konferenzformaten so nicht. Und es hat klare Vorteile. Selbst aktiv zu werden, Stoff für andere aufzubereiten und diskutieren ist ohne Zweifel eine sehr lehrreiche Sache. Und: Das Barcamp-Klima ermutigt zur Partizipation (auch die eher Schüchternen).
“Je mehr Unwissen zirkuliert, desto weniger Nutzen entsteht für die Teilnehmenden. Viel Unwissen wird kurzfristig dem Ruf von Barcamps schaden. ‘Bringt mir nichts’.”
Anstelle von ‘Unwissen’ hätten wir auch schreiben können: ‘Fragen’, ‘Unklarheiten’ oder ‘ungenauer Vorstellungen’ – natürlich auch ‘Halbwissen’. Im Gegensatz zu anderen Konferenztypen gibt es auf Barcamps gute Chancen, dass Halbwissen korrigiert wird. Und: Fragen werden im offenen Klima viel eher gestellt. Das meint der dynamische Begriff der ‘Zirkulation’.
Deine Sicht ist sehr pessimistisch. Vor zehn Jahren hätte niemand geglaubt, dass ein kollaborativ erstelltes Online-Lexikon ähnlich Angebote wie Brockhaus und Co ablöst. Mit allen Vor- und Nachteilen. Tatsache ist, dass Fehler und Unwissen diskutiert werden. Das Prinzip der qualitativen Selbstregulation mit Bausch und Bogen zu entwerten, dass ist mir zu vorschnell.
“Meine These: Klassische Konferenzkonzepte und Barcamps werden verschmelzen. Bei einer zweitägigen Konferenz gibt es ein klassisches Programm und einen Open Space mit spontanen Sessions.”
Ich bin in dieser Frage vollständig leidenschaftslos. Die ‘Reinheit des Formats’ ist mir – mit Verlaub – pupsegal. Wenn es so ist, wie du sagst, dann haben Barcamps dabei mitgeholfen, die ‘Konferenzlandschaft zu düngen’. Prima!
Übrigens: Einen interessanten Bericht über Barcamps im Unternehmen schreibt Franz Patzig (http://www.franztoo.de/?p=1457). Also wenn ich denn die Frage nach der Modeerscheinung beantworten müsste, dann würde ich sagen: ‘Bezahlkonferenzen’ sind eine Modeerscheinung – Barcamps, Derivate und ähnliche Veranstaltungen werden die Formate der Zukunft. Aber wie gesagt, solche Vorhersagen sind nicht wichtig.
Beste Grüße – Martin